Herbert Marcuse

Letter to Max Horkheimer

  October 18, 1946

regarding the Zeitschrift für Sozialforschung

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letter archived by Harold Marcuse
Feb. 22, 2003, updated 6/14/05


This letter, originally written in English, is one of many that Herbert wrote to Horkheimer during the 1940s. Unfortunately, most letters Herbert wrote at that time have been lost. However, some letters to Horkheimer from that decade are preserved in the Horkheimer archive. They are included in volumes 16, 17, 18 of Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, ed. by Gunzelin Schmid-Noerr (Frankfurt: Fischer 1995-1996). Twenty-one of them are published in English translation in: Douglas Kellner (ed.), Herbert Marcuse: Technology, War and Fascism (Routledge, 1998), 230-260.
The letter below, however, was originally written in English (according to the commentary by Tim Mueller, below), and it is not included in the Kellner collection, which jumps from Aug. 22 to November 15, 1946.

18. Oktober 1946
4609 Chevy Chase Blvd.
Washington 15, D. C.

Lieber Horkheimer:

Was folgt, ist kein Bericht über meine Reise nach London und Paris, sondern über eine der eindringlichsten Erfahrungen, die ich dort drüben gemacht habe und die auch, wie ich glaube, von unmittelbarem Interesse für Sie ist:

Ich habe mit zahlreichen Leuten gesprochen, von Karl Mannheim bis zu Richard Löwenthal und Rudolf Schlesinger in London und von Raymond Aron bis zu Jean Wahl und einigen der jungen "Existentialisten" und Surrealisten in Paris. Sie alle haben mich gefragt, warum in aller Welt die Zeitschrift nicht wieder erscheine. Sie war – wie alle sagen – die einzige und letzte Publikation, in der die wirklichen Probleme auf einer wirklich "avantgardistischen" Ebene erörtert wurden. Die allgemeine Orientierungslosigkeit und Isolation hat gegenwärtig solche Ausmaße angenommen, dass die Notwendigkeit, die Zeitschrift erneut zu veröffentlichen, größer ist als jemals zuvor. Selbst wenn die Zeitschrift nicht offiziell nach Deutschland eingeführt werden könnte, so ist doch die Leserschaft außerhalb Deutschlands zahlreich und bedeutend genug, um ihr Erscheinen zu rechtfertigen. In diesem Fall wäre die beste Lösung eine Publikation, die englische, französische und deutsche Artikel bringt – so wie wir in den letzten [vor Einstellung der Zeitschrift erschienenen; Anm. d. Red.] Ausgaben verfahren sind. Sollte dies nicht gelingen, würde auch eine Veröffentlichung auf Englisch genügen, weil die interessierten Leser entweder Englisch können oder sich Artikel ins Deutsche übersetzten lassen.

Soweit deren Meinung. Dem habe ich wenig hinzuzufügen. Sie wissen, dass ich seit langem selbst die Notwendigkeit verspüre, die Zeitschrift fortzuführen. Nach meinen Erfahrungen in Europa habe ich das Gefühl, dass Sie einfach die Verantwortung haben zu sprechen und die von der Zeitschrift begründete Tradition fortzusetzen. Über die Form kann freilich diskutiert werden. Meiner Vorstellung entspricht immer noch ein Sonderheft zu deutschen Problemen (was auch in diesem Land dringend herbeigesehnt wird). Ich schlage vor, dass wir als Ausgangspunkt die verschiedenen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Programme und „Richtlinien" analysieren, die derzeit von den größeren Parteien in Deutschland verbreitet werden. Ich werde Ihnen das Material, das einen konkreten Rahmen für unsere Erörterung bietet, ebenso zur Verfügung stellen wie meine Zeit und meine Arbeitskraft.

Meine Bemühungen, Sie zu überzeugen, sind bislang erfolglos geblieben. Wenn Sie mit mir gereist wären, würden Sie nicht länger zögern. Entscheiden Sie jetzt, und zwar positiv!

Löwenthal wird Sie über die zwei anderen Angelegenheiten informieren, die ich auf meiner Reise für das Institut erledigt habe: meine Verhandlungen mit Karl Mannheim über die "Empire"-Rechte der Institutsveröffentlichungen und mit Field, Rosco and Co. über die Frankfurter Bibliothek. Vielleicht darf ich hinzufügen, dass mich auch aus Berlin erneut Bitten, die Zeitschrift fortzuführen, erreicht haben.

Ich hoffe, dass dieses Mal mein Ruf erhört wird. Wir können es uns, so glaube ich, nicht leisten, länger zu warten – gleichgültig, wie ernsthaft die technischen und finanziellen Einwände sein mögen.

In der Zwischenzeit – und ich hoffe auf eine kurze Zwischenzeit – meine herzlichsten Grüße.


Briefe aus dem 20. Jahrhundert VIII, in: Süddeutsche Zeitung, 22. Februar 2003
Aus dem Englischen [und Kommentar] von Tim B. Müller
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Deutsche Menschen im 20. Jahrhundert schrieben einander auch auf Englisch. Darin spiegelt sich die Grunderfahrung des Zeitalters der Massenvertreibungen und Massenmorde. Das Institut für Sozialforschung, dessen überwiegend jüdische Mitarbeiter noch rechtzeitig aus Frankfurt entkommen waren, siedelte sich 1934 in New York an. Als die Mittel des Instituts knapp wurden und der Krieg ausbrach, trat der Philosoph Herbert Marcuse im Dezember 1942 in die Dienste der amerikanischen Regierung. Die Forschungsabteilung des Auslandsnachrichtendienstes, wo er seit März 1943 für die Auswertung von Informationen über Deutschland zuständig war, wurde nach Kriegsende vom Außenministerium übernommen. Seine Tätigkeit, die eine Zeit lang auch der Vorbereitung der Nürnberger Prozesse diente, führte Marcuse wiederholt nach Europa. Auf einer dieser Reisen besuchte er im Schwarzwald seinen ehemaligen Lehrer Martin Heidegger, dem er anschließend zwei traurige Briefe und ein Care-Paket sandte. [see Marcuse-Heidegger correspondence]

Marcuse sehnte sich allerdings danach, die Arbeit am Institut für Sozialforschung wiederaufzunehmen. So setzte er sich nicht nur in seiner Position dafür ein, Max Horkheimer, dem Direktor des Instituts, eine Reisegenehmigung nach Europa zu verschaffen. Wiederholt drängte er Horkheimer, ihre intellektuelle Kooperation zu erneuern, obwohl Theodor W. Adorno ihn längst als Hauptarbeitspartner Horkheimers verdrängt hatte. [see Marcuse-Adorno page] Und länger als alle anderen glaubte Marcuse an die Möglichkeit, die berühmte Zeitschrift für Sozialforschung des Instituts wiederzubeleben, die 1941, zuletzt unter englischem Titel, eingestellt worden war. Noch 1947 verfasste er programmatische Thesen für die erste Nachkriegsausgabe, die allerdings nie erscheinen sollte. [A draft of these was found in the Horkheimer Archive, they are published in English, translated by John Abromeit, in vol. 1 of Herbert's Papers, Technology, War and Fascism, pp. 217-227.]

In zahlreichen Briefen suchte er Horkheimer zu überzeugen, am Vorhaben der Zeitschrift festzuhalten. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Auf die Erwartungen, Entscheidungen und Enttäuschungen folgte der Bruch. Die Zeit der Versöhnung aller wissenschaftlichen Disziplinen, die vielleicht nur in der Erinnerung erstrahlte, war unwiederbringlich verloren, das erstaunlichste intellektuelle Projekt der Zwischenkriegszeit gescheitert. Horkheimer und Adorno kehrten zurück nach Frankfurt und eröffneten das Institut wieder, während Marcuse und Franz Neumann, längst amerikanische Staatsbürger und durch die Zusammenarbeit mit Amerikanern in Regierungsstellen selbst "echte" Amerikaner, in den USA blieben.

In die Zeit, in der Marcuse langsam von seinen Hoffnungen Abstand nehmen musste, fällt der obenstehende Brief. Für einen Augenblick war alles offen. Die Nachkriegskonstellationen, intellektuelle wie weltpolitische, befanden sich im Fluss. Das intellektuelle Leben in New York, der kosmopolitischen Hauptstadt aller Emigranten, blühte reicher als jemals zuvor oder danach. Zugleich begann der Atomkrieg von den Köpfen Besitz zu ergreifen. "Angst" avancierte zum philosophischen Modewort. Nicht wenige in Amerika und Europa blickten melancholisch oder erwartungsvoll auf die Zeitschrift, die vor dem Krieg die denkbar größte Vielfalt intellektueller Beiträger unter einem Dach beherbergt hatte. Marcuse, dessen Absichten ein wenig Übertreibung förderlich sein konnte, beschwor das Bedürfnis danach, das ihm überall auf seinen Reisen begegnet sei. Für einen Augenblick war auch hier alles offen. Von Raymond Aron bis Jean Wahl, von Karl Mannheim bis Richard Löwenthal, vom streitbaren Demokraten und Denker des Krieges über die Existentialisten und Surrealisten bis zu den Vordenkern der einstmals bekämpften Wissenssoziologie oder einer klassischen Politikwissenschaft – alle verlangten nach dem Verlorenen.

Marcuse stellte kurz darauf eine Liste potenzieller Mitarbeiter zusammen: Maurice Merleau-Ponty und Jean-Paul Sartre finden sich darauf ebenso wie Hans Mayer und Karl Jaspers. Doch schon bald zeigte sich, dass eine alle theoretischen Lager überspannende Zeitschrift nicht mehr zu verwirklichen war. Jean Wahl und Richard Löwenthal hielt Marcuse mittlerweile für unausstehlich, und Raymond Aron sollte er später einen Faschisten nennen. Die Konstellationen erstarrten. Die dem Weltbürgerkrieg abgetrotzte Solidarität, das Interregnum der absoluten intellektuellen Offenheit fand im Kalten Krieg ein Ende.

Marcuses Brief markiert zuletzt den Abschluss einer Phase, in der Briefe zum Medium der Theorieentwicklung geworden waren. Vielleicht lag der Grund in der räumlichen Distanz, die der Krieg wie vielen anderen auch Horkheimer und Marcuse aufzwang. In den Briefen, die beide in diesen Jahren wechselten, drangen sie zu Einsichten vor, denen ihre Bücher hinterherhinkten. Die Überlegungen zu Antisemitismus und Judenmord, die sie in den Briefen gemeinsam entwickelten, gehören zum Hellsichtigsten, was Zeitgenossen des Holocaust geschrieben haben. Gedankenblitze leuchten auf von Seite zu Seite. Der Brief wird zum Medium intensiver, dialogischer Selbstreflexion. Nur der Brief bietet den zarten geistigen Schutzraum, in dem das vertraute Gespräch unter Abwesenden gedeihen konnte.

TIM B. MÜLLER

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Nachlassverwalters, Peter Marcuse [Peter's page]


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