Süddeutsche Zeitung, 18 August 2003 (to 1969 Herbert Marcuse interview about Adorno)

Der Alte Bund und das Neue Testament

Credo: Adorno, die Religion und die Frage, ob und wie man Eichmann bestrafen soll – Erinnerung an einen Abend in Frankfurt

DOROTHEA RAZUMOVSKY

„Beim Teddie war es höchst anregend und interessant (um wieder einmal von ihm zu reden)", schrieb mein späterer Ehemann, der damalige Musikkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Andreas Razumovsky, Ende Februar 1958 in einem Brief. Und tatsächlich findet sich aus dieser Verlobungszeit kaum schriftliche Hinterlassenschaft, in der Adorno nicht vorgekommen wäre. „Es wurde viel getrunken, und er begann plötzlich Proust vorzulesen, die (in der Tat unwahrscheinlich schöne) Stelle vom Tode des Dichters Bergotte, alias Anatole France. Er hat dabei fast geweint und sehr religiöse Sachen von sich gegeben. Er kam auf Dostojewsky und den Idioten... – eingefleischten Dialektikern wären die Haare zu Berge gestanden ... das Ganze dauerte bis halb zwei."

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Strafe als Sühne?

Doch ein Abend ist mir noch immer präsent, obwohl ich ihn nicht einmal genau datieren kann. Es dürfte Ende November/Anfang Dezember 1961 gewesen sein. Wir alle hatten die Entführung Eichmanns aus Argentinien durch ein Spezialkommando der Mossad bestaunt. Wohl alle hatten wir Hannah Arendts Berichte über den Prozess im „New Yorker" gelesen (das Buch über die Banalität des Bösen kam erst zwei Jahre später heraus) und die täglichen Nachrichten aus Jerusalem verfolgt. Nun stand das Urteil der drei Richter bevor. Todesstrafe oder nicht?

Darüber, dass es für den jungen Staat Israel eine schwere Belastung bedeuten würde, seinerseits den Weg der Gewalt zu gehen, war bald Einigkeit hergestellt. Doch die Begründung dieser Meinung konnte kaum verschiedener sein. Adorno sprach von der Pflicht des Gerichtes, die individuelle Schuld des Täters nachzuweisen. Dazu gehöre ganz maßgeblich die Frage nach der persönlichen Schuldfähigkeit: Konnte jemand, der Teil dieses Wahnsystems gewesen war, das Massentötungen nicht nur zuließ, sondern ganz bewusst organisierte, das also alle traditionellen Werte, einschließlich der zehn Gebote, über Bord geworfen hatte – mit Zustimmung des größten Teils der Bevölkerung –, überhaupt noch die Fähigkeit besitzen, objektiv zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden? Strafe als Abschreckung sei in diesem Fall ohnehin sinnlos, Strafe als Sühne ein Problem. Das Unmenschliche am NS-Regime sei ja gerade das rein administrative Töten ganzer Völker gewesen; bar aller menschlichen Gefühle, ganz ohne jeden persönlichen Hass.

Anders argumentierte Horkheimer (der ausnahmsweise zugegen war). Lange saß er wortlos da, den großen Kopf nachdenklich zurückgelehnt, den Mund geöffnet, fast träumerisch; bis er dem Freund vehement widersprach. Das sei nicht ein Individuum, das da vor Gericht stehe, sagte er. Ja, das sei nicht einmal das Nazi-Regime, sondern der Antisemitismus schlechthin; nicht nur heute, sondern durch die Jahrhunderte. Es genüge nicht, diesen einzelnen Täter zu bestrafen, weil der Vollzug der Strafe suggerieren könnte, dass damit Gerechtigkeit vollzogen und alles abgeschlossen sei. Man müsse Eichmann vielmehr als Symbol betrachten, ihm das Zeichen des Kain auf die Stirne brennen und ihn dann laufen lassen wie einen räudigen Hund.

Diese Vorstellung war so einleuchtend und stark, dass wir zunächst nur zustimmen konnten. In der Folge habe ich mich jedoch darüber gewundert und vor allem sehr bedauert, nicht gleich nach der Heimkehr alles aufgeschrieben zu haben. Denn wie ich erst mit der Zeit verstand, hatte sich in dieser Diskussion Wesentliches offenbart: Horkheimer vertrat mit seinen Worten die Ethik des Alten Bundes, Adorno das Neue Testament. Oder sagen wir lieber: die christlich-abendländische Tradition.

Später sprachen wir weniger gehemmt auch über Fragen der Religion. Als wir Teddie eines Tages fragten, ob er sich vorstellen könne, bei der Taufe unseres Sohnes Pate zu stehen, erzählte er, dass er auf Wunsch seiner gläubigen Mutter nicht nur getauft, sondern auch geraume Zeit als Ministrant tätig gewesen sei. Nicht sein Vater, der tolerante großbürgerlich assimilierte Weinhändler Oscar Wiesengrund, sondern Hitler hatte ihn zum Juden gemacht.

Die Kirche aber hatte das erlaubt: „Der neutestamentarische Satz: 'Wer nicht für mich ist, ist wider mich', war von jeher dem Antisemitismus aus dem Herzen gesprochen. Es gehört zum Grundbestand der Herrschaft, jeden, der nicht mit ihr sich identifiziert, um der bloßen Differenz willen ins Lager der Feinde zu verweisen: nicht umsonst ist Katholizismus nur ein griechisches Wort für das lateinische Totalität, das die Nationalsozialisten realisiert haben" schrieb er in den „Minima Moralia". „Freiheit wäre, nicht zwischen schwarz und weiß zu wählen, sondern aus solcher vorgeschriebenen Wahl herauszutreten."


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